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Hans-Otto Nielsen
2.500 Jahre Marathon
Eine Kurzgeschichte des Laufens und die Anfänge des Spiridon Schleswig.

Hans-Otto Nielsen

 

Die organisierte Lauferei begann am 13. Okt. 1963 in der kleinen Stadt Bobingen bei Augsburg mit einem 12 km Parcours. Bei diesem ersten Volkslauf in der Geschichte der BRD rannten  1.654 Läufer aus  7  Nationen  Urkunden und Medaillen hinterher.  Damit fing eine Massenbewegung an, die heute allerorts durch die Lande jagt. 20 Jahre nach dem ersten Startschuß meldeten sich bereits über 600.000 Trimmer zu den diversen Volksläufen. Heute gehen die Zahlen in die Millionen; die Volksläufe wurden zu Profiläufen.

 

Wer meint, die Woge der neuen Sportlichkeit, sei als „Jogging“ von Amerika zu uns gerollt, wird wohl eher dem Amerikanismus, der Werbung für nachlässige Kleidung oder dem Scheinsport aufgesessen sein. Das Wörterbuch übersetzt das zugehörige Verb u.a. wie folgt: loszuckeln, sich fortschleppen, weiterwursteln. Das „Jogging“ ist, wie das schon längst vergessene „Aerobic“, eine typische medienwirksame Übertreibung normaler Bewegungsabläufe.

 

In den 80-er Jahren ging die Laufwelle auch in Schleswig richtig los. Die Trimmer und Traber des Spiridon Schleswig hatten sich mit ihren Vereinsnamen von  Anfang an hohe Ziele gesetzt. Das Vorbild war der griechische Olympionike Spiridon Louis, der Gewinner des Marathon der ersten olympischen Spiele der Neuzeit 1896 in Athen. Aus den Trabern wurden Läufer , aus den Läufern sollten Langläufer und Marathonis werden. Was ist nun ein Marathoni?

 

Marathon ist der griechische Langlauf, den die Engländer erfanden. Genaugenommen dürfte der Marathon nicht Marathon heißen, denn der bedauernswerte Kerl, der vor 2.500 Jahren vom attischen Marathon nach Athen lief, legte nur etwas mehr als 40 km zurück. Die heutigen Marathonis rennen also alle etliche hundert Meter zu weit.

 

Es begann in Griechenland, am 13. September des Jahres 490 vor  Christi Geburt, etwa 40 km nördlich von Athen: Das Heer der Athener unter Miltiades hatte gerade seine persischen Angreifer bei Marathon geschlagen  und ein Bote wurde nach Athen gesandt, um der Stadt die freudige Kunde zu bringen. Die Legende berichtet, daß Phidippides, der Bote, in Athen ankam, den Ruf „Nenikikamen“ (wir haben gewonnen)  ausstieß  und tot umfiel. Später haben Historiker herausgefunden, daß sein Lauf von Marathon nach Athen nur der letzte Teil einer viel längeren Strecke war, die er in Rekordzeit zurückgelegt  hatte. Vorher war er bereits 460 Kilometer von Marathon nach Sparta gelaufen, um dort Hilfe zu holen -  allerdings vergeblich.

 

Der Lauf  von Marathon nach Athen ist in die Geschichte eingegangen und die Bewunderung für die Großtat des armen Boten wurde von Lehrern aller Zeiten in jeder Generation neu entfacht. Die ersten modernen Olympischen Spiele in Jahre 1896 räumten den Marathonlauf den ihn gebührenden Platz im internationalen Sport ein. Die heutige offizielle Marathonstrecke von 42.195 m geht zurück auf die Olympischen Spiele 1908 in England, wo die Strecke eigens verlängert wurde, um der königlichen Familie Gelegenheit zu geben, den Start von Schloß Windsor aus zu verfolgen und den Endspurt von der königlichen Loge aus zu beobachten. Weitere 42 Meter wurden als Sicherheitsfaktor vom internationalen Marathon-Verband hinzugefügt. Heute stehen die Marathonläufe von London, New York und Berlin mit über 30.000 Teilnehmern ganz oben auf der Welthitliste.

 

Der Verein Spiridon eiferte seinem Namensgeber, einem Landsmann des klassischen Läufers, dem legendären Spiridon Louis hinterher. Seine Marathonzeit von 2: 58 Std. wurde bald von einer Handvoll Spiridon-Läufern unterboten. Neues und heimliches Vorbild mit einem Vorsprung von 35 Minuten wurde der ebenso legendäre Emil Zatopek - 13 Weltrekorde, 4 olympische Goldmedaillen  und eine  Marathonzeit von 2:21 Std. bei der Olympiade 1952 in Helsinki. Beim ersten hanse-Marathon 1986 gab er den Startschuß auch  für viele Spiridon-Läufer. Bei den Männern blieb, nachdem die ersten vier Olympiasieger bis 1908 überholt waren, der Spiridonrekord für viele Jahre bei 2:42 Std. stehen.  - Noch 19 Minuten bis Zatopek.

 

Dann kam die Zeit der Spiridon-Frauen mit ihren vielen Rekorden bei den Kreis- und Landesmeisterschaften. Auch beim Marathon waren sie von Anfang an mit dabei. Da Frauen erst seit 1984 beim olympischen Marathon zugelassen sind, gab es auch keine olympischen Vorbilder. Sie mußten ihre eigenen Vorbilder sein. Der Kreisrekord hing immer fest an den Beinen der Spiridon-Frauen. Erika Reimer‘s  “3:44“  sind ebenso wie Egon Jacobsen‘s „2:42“  tief eingekerbte Zeitmarken der Vereinsgeschichte der 80‘er Jahre.

 

Für über 50 Spiridon-Läufer, darunter ein Dutzend Frauen, gehörte der Marathon 10 Jahre nach Vereinsgründung zu den ganz normalen Ereignissen im Jahr. Gelaufen wird international und weltweit: von Moskau bis New York, von Hamburg bis Honolulu. Auch  die klassische Strecke des Phidippides und des Spiridon Louis von Marathon nach Athen wurde 1990 von 6 Läuferinnen nachgespurtet.

 

Die 90 ‘er Jahre liefen gut an; das Tempo bestimmte die jüngere Generation. Auf der Marathonstrecke besiegte Martina Doczekala gleich zu Beginn des neuen Jahrzehnts sich selbst dreimal und wurde1993  mit 2:59 Std. nicht nur souveräne Kreismeisterin, sondern auch Landesmeisterin in ihrer Altersklasse. Der  Dauerläufer José Molero Membrilla erreichte 1993 mit 2:37 Std seinen Marathon Gipfel.  Im selben Jahr verbesserte sein Sohn Miguel Molero Eichwein den Kreisrekord der Männer auf  2:32 Std. Mit ihm stehen die Uhren des Spiridon bis heute auf 11 Minuten bis Zatopek.

 

Soweit der Stand von 1994 ; seitdem haben einige hoffnungsvolle und talentierte Nachwuchsläufer des Spiridon Schleswig bereits mit rasantem Spitzentempo  in der Mittel- und Langstrecke den Weg in Richtung Zatopek angetreten. Die Hürden sind hoch gelegt.

 

Also weiter, auf die Beine, fertig, los!

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