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Hans-Otto Nielsen
Der erste olympische Marathonlauf des Spiridon Louis in Athen.

Hans-Otto Nielsen

 

Knapp drei Stunden genügten am 10. April 1896, um aus einem unbekannten Bauernsohn und Wasserträger einen Nationalhelden zu machen.

 

Spiridon Louis, der Sieger des Marathonlaufes der ersten Olympischen Spiele der Neuzeit startete mit zwölf griechischen  und fünf Läufern aus anderen Ländern in dem gottverlassenen, armseligen Bauernort Marathon in der Nähe des Denkmals der berühmten Schlacht von 490 v. Chr.  Die Läufer wurden in Kutschen auf schlechten Feldwegen nach Marathon gebracht. Durch Los hatte man drei Reihen im Abstand von anderthalb Metern gebildet. Louis befand sich in der letzten, hatte damit drei Meter mehr vor sich.

 

Ein Oberst, der das Rennen hoch zu Roß begleiten wird, gibt den Startschuß. Die Positionen sind schnell verteilt:  Der Franzose  Lermisiaux, der Favorit, setzt sich erwartungsgemäß an die Spitze, dicht auf den Fersen ist ihm der Australier  Flack, es folgt der amerikanische Läufer Blake. Spiridon Louis und die anderen griechischen Teilnehmer sind am Ende des Feldes. Sie tragen schwer an den Erwartungen ihrer enthusiastischen Landsleute, die sich zu Tausenden in siegessicherer Volksstimmung in den Olivenhainen entlang der Strecke versammelt und ausgebreitet haben.

 

Es herrscht die Ausgelassenheit der griechischen Osterwoche: Begeisterung, anfeuernde Rufe, sicher auch Staunen angesichts der so unwürdigen hastigen Art sich fortzubewegen. Die meisten Zuschauer sind aber der festen Überzeugung, daß es an diesem Tage gilt, alle Welt ein für allemal zu beweisen, daß auch das neue Griechenland Helden vom Schlage des Phidippides aufzuweisen hat, der im Jahre 490 v.Chr. die Nachricht des Sieges über die Perser nach Athen gebracht hat, allerdings auch tot zusammengebrochen sein soll.

 

Dem Bauernsohn Spiridon wird diese Art der Beweisführung nicht gerade vertraut gewesen sein,. Sein Entschluß mitzulaufen, der zur nationalen Tat werden sollte, fällt - wie kann es in Griechenland anders sein – im Kafenion in seinem Heimatdorf Maroussi.  Spiridon, Sohn des Wasserkutschers Louis, der in Fässern das köstliche Wasser des Dorfes nach Athen herunterfährt und verkauft, ist 24 Jahre alt  und – wie man in Griechenland sagt – ein „Pallikari“, ein Prachtkerl und Schrank von einem Mann mit einem würdig gezwirbelten und buschigen Schnurrbart und sicherlich empfänglich für die Anstachelei und das Zureden der Kafehauskumpane.

 

So motiviert meldet er, der in seiner Soldatenzeit in schier unglaublich kurzer Zeit  Zigaretten zu holen verstand und noch nie aus unnützem sportlichen Ehrgeiz eine längere Strecke gelaufen ist, sich beim griechischen Olympischen Komitee zu den Ausscheidungsläufen.

 

Am Tage des Laufes zählen anscheinend nicht das Talent , sondern Training und Erfahrung. Im Dorf Pallini bei Kilometer 28, nach einer langen kräftezehrenden Steigung, ist ebenso gut gemeint wie verfrüht, bereits ein Triumphbogen errichtet worden. Hier wird im griechischen Überschwang dem führenden Läufer Lermisiaux schon eine Blumenkrone aufgesetzt, die er im Hochmut des scheinbar so sicheren Sieges auch nicht zurückweist. Vier Kilometer weiter ist er am Ende, muß erschöpft nach der Steigung aufgeben. Nun plötzlich taucht Spiridon Louis auf, der auch Flack überholt hat, welcher übrigens bei Kilometer 38 bewußtlos zusammenbricht. Louis übernimmt nun unangefochten die Führung. Er läuft jetzt rhythmisch, mechanisch und schnell, konzentriert sich auf das Ziel, das neu erbaute Stadion, in dem sich 70.000 Menschen versammelt haben. Die Begeisterung und Erwartung der Zuschauer steigert sich.

 

Vom Straßenrand wird Louis ein Flasche Kognak zugereicht, dem er ordentlich zuspricht. Die oft erzählte Anekdote, er sei zwischendurch in eine Straßentaverne eingekehrt, um ein griechisches Bauernfrühstück mit viel Schafskäse zu sich zu nehmen, gehört zur Spiridon Legende. Gegen fünf Uhr läuft Louis im Stadion ein.

 

Er trägt eine blaue Hose und ein weißes Flanellhemd, somit die griechischen Nationalfarben. Die Stimmung ist nicht zu beschreiben: tosender Applaus, Schreie, wehende Tücher, Hüte, die in die Luft geworfen werden. Der Kronprinz läuft die letzten Meter mit.

 

Die ganze Welt berauschte sich an der märchenhaften Geschichte vom griechischen Bauernsohn, der so eben mal von Marathon nach Athen gelaufen war und die damalige Läuferelite bewußtlos am Straßenrand zurückgelassen hatte.

 

Louis wurde von einigen griechischen Städten eingeladen, war Gast bei den wenigen Sportvereinen, die es damals gab. Jedoch wurde bald aus dem gefeierten Olympioniken wieder der einfache Wasserkutscher. Es gab keine millionenschwere Werbeverträge, keine Marathontourne.

 

„Mein Sohn, was kann ich für dich tun?“ hatte König Georg von Griechenland gönnerhaft dem Bauern Louis gefragt. Der wünschte sich spontan ein Pferd und einen neuen Leiterwagen, um seiner Arbeit nachgehen zu können.

 

Ein paar Wochen später lief Louis‘ Leben wieder in den gewohnten Bahnen: Von der Quelle in Maroussi hinab ins durstige Athen.

 

Zweimal noch wird Spiridon Louis Schlagzeilen machen.

 

Beschuldigt an der Fälschung von Militärentlassungspapieren beteiligt gewesen zu sein, war er vom Dorfgendarmen verhaftet und vorsichtshalber für 13 Monate – die Dauer der Ermittlungen – ins Gefängnis gesteckt worden. 1926 wurde er schließlich freigesprochen.

 

Zehn Jahre später und genau vierzig Jahre nach seinem Sieg kam er, der sich inzwischen als Waldhüter durchbrachte, noch einmal ins Rampenlicht der Öffentlichkeit. Eingeladen vom Organisationskomitee der Olympischen Spiele Berlin überbrachte er 1936 ausgerechnet Adolf Hitler einen Olivenzweig aus dem antiken Olympia als Symbol des Friedens.

 

Im Rahmen der Propaganda war man auf die großartige Idee verfallen, das olympische Feuer im Stafettenlauf und das archaische Urbild aller Läufer, Spiridon Louis, im Sonderwagen nach Berlin zu schaffen.

 

Der 64-jährige Louis zeigte immer noch einen stattlichen Mann mit unverändert buschigem Schnurrbart im verknitterten sonnenverbrannten Gesicht. Ob er verstanden, übersehen oder gebilligt, was mit ihm auf seine alten Tage gespielt wurde, mag dahingestellt sein.

 

Spiridon Louis starb 1940 im Alter von 68 Jahren. Louis lief, als die olympischen Spiele noch jung waren. Es gab noch keine ausgefeilten Trainingsprogramme, keine Spezialdiät, keine Dopingprobleme. Louis wurde nicht aufgebaut, nicht bezahlt und nicht vermarktet. Er ist einfach gelaufen, sonst nichts.

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